Evidence-based Nursing (EBN) verbindet wissenschaftliche Forschungsergebnisse mit deinem Fachwissen und den individuellen Bedürfnissen deiner Patienten. Ziel ist es, die bestmögliche Pflege zu erbringen, die nicht nur auf Tradition und Erfahrung basiert, sondern auch auf aktuellen wissenschaftlichen Belegen. In diesem Artikel lernst du die Grundlagen von EBN kennen und erfährst, wie du Studien lesen und bewerten kannst.
Was ist Evidence-based Nursing?
Evidence-based Nursing (EBN), auf Deutsch evidenzbasierte Pflege, ist ein systematischer Ansatz zur pflegerischen Entscheidungsfindung. Es geht darum, die beste verfügbare wissenschaftliche Evidenz (externe Evidenz) mit deinem klinischen Fachwissen und den Wünschen und Werten der Patienten (interne Evidenz) zu verbinden.
Die drei Säulen von EBN
- Externe Evidenz: Wissenschaftliche Forschungsergebnisse aus Studien, Reviews und Leitlinien
- Klinische Expertise: Dein Fachwissen, deine Erfahrung und Beurteilungsfähigkeit
- Patientenpräferenzen: Die individuellen Wünsche, Werte und Lebensumstände der Pflegebedürftigen
Warum EBN wichtig ist
Schätzungen zufolge sind weniger als 10% aller Pflegehandlungen wissenschaftlich belegt. EBN hilft dir, fundierte Entscheidungen zu treffen und die Qualität deiner Pflege nachweisbar zu verbessern. Es schützt Patienten vor unwirksamen oder sogar schädlichen Massnahmen.
Der EBN-Prozess in sechs Schritten
EBN folgt einem strukturierten Prozess, der dir hilft, von einer klinischen Frage zur praktischen Umsetzung zu gelangen.
Klinische Frage formulieren
Aus der Praxis entsteht eine Frage. Du strukturierst sie mit dem PIKE-Schema (siehe unten), um gezielt nach Antworten suchen zu können.
Literaturrecherche durchführen
Du suchst in Datenbanken wie PubMed, CINAHL oder Cochrane Library nach relevanten Studien und Reviews zu deiner Frage.
Evidenz kritisch bewerten
Du beurteilst die gefundenen Studien: Wie gut ist das Studiendesign? Sind die Ergebnisse verlässlich und übertragbar?
Evidenz mit Praxis verbinden
Du prüfst, ob die Erkenntnisse auf deine konkrete Situation und deine Patienten anwendbar sind.
Massnahme umsetzen
Du wendest die neuen Erkenntnisse in der Praxis an, in Absprache mit dem Team und unter Berücksichtigung der Patientenwünsche.
Ergebnis evaluieren
Du überprüfst, ob die Umsetzung zum gewünschten Erfolg geführt hat, und passt dein Vorgehen bei Bedarf an.
Das PIKE-Schema
Um eine klinische Frage so zu formulieren, dass sie gut recherchierbar ist, nutzt du das PIKE-Schema (manchmal auch PICO genannt). Es hilft dir, die wichtigsten Elemente deiner Frage zu definieren.
PIKE: Die vier Elemente einer klinischen Frage
Problem / Population
Wer ist betroffen? Welche Patientengruppe, welches Gesundheitsproblem?
Intervention
Welche Massnahme, Behandlung oder Pflegeintervention interessiert dich?
Kontrollintervention
Womit wird verglichen? Alternative Massnahme, Standardbehandlung oder gar keine Intervention?
Ergebnis (Outcome)
Was willst du erreichen? Welches messbare Ergebnis interessiert dich?
📋 Beispiel einer PIKE-Frage
Ausgangssituation: Du fragst dich, ob bei älteren Patienten mit Schluckstörungen angedickte Flüssigkeiten das Aspirationsrisiko wirklich senken.
- P: Ältere Patienten (>65 Jahre) mit Dysphagie
- I: Angedickte Flüssigkeiten
- K: Normale Flüssigkeiten mit angepasster Technik
- E: Aspirationspneumonie-Rate
Formulierte Frage: Senken angedickte Flüssigkeiten bei älteren Patienten mit Dysphagie das Risiko einer Aspirationspneumonie im Vergleich zu normalen Flüssigkeiten mit angepasster Trinktechnik?
Evidenzlevels: Nicht alle Studien sind gleich
Die Qualität und Aussagekraft wissenschaftlicher Erkenntnisse variiert stark je nach Studiendesign. Die Evidenzpyramide zeigt die Hierarchie der Studientypen.
Evidenzpyramide
↑ Höhere Evidenzlevel = Aussagekräftigere Ergebnisse
Was bedeuten die verschiedenen Studientypen?
- Systematische Reviews / Metaanalysen: Fassen mehrere Einzelstudien zusammen und geben den besten Überblick über die Evidenzlage.
- Randomisierte kontrollierte Studien (RCT): Goldstandard für Wirksamkeitsfragen. Teilnehmende werden zufällig auf Gruppen verteilt.
- Kohortenstudien: Beobachten Gruppen über Zeit, ohne selbst einzugreifen. Gut für Risikofaktoren.
- Fall-Kontroll-Studien: Vergleichen Betroffene mit Nicht-Betroffenen rückblickend.
- Fallberichte / Expertenmeinungen: Geringste Evidenzstärke, aber manchmal die einzige verfügbare Quelle.
⚠ Nicht immer ist das höchste Level verfügbar
Zu vielen Pflegefragen gibt es keine RCTs oder systematischen Reviews. Dann musst du mit der besten verfügbaren Evidenz arbeiten, auch wenn sie weniger aussagekräftig ist. Wichtig ist, die Grenzen der Evidenz zu kennen.
Studien kritisch lesen
Nicht jede publizierte Studie ist automatisch gut. Beim Lesen solltest du einige kritische Fragen stellen:
Fragen zur Bewertung einer Studie
- Fragestellung: Ist die Forschungsfrage klar formuliert?
- Studiendesign: Passt das Design zur Fragestellung?
- Stichprobe: Wie wurden die Teilnehmenden ausgewählt? Wie gross ist die Stichprobe?
- Intervention: Ist die untersuchte Massnahme genau beschrieben und nachvollziehbar?
- Messung: Wie wurden die Ergebnisse gemessen? Sind die Messinstrumente valide?
- Ergebnisse: Sind die Ergebnisse statistisch signifikant UND klinisch relevant?
- Übertragbarkeit: Lassen sich die Ergebnisse auf deine Patientengruppe übertragen?
- Interessenkonflikte: Wer hat die Studie finanziert? Gibt es mögliche Bias?
Statistisch signifikant ≠ klinisch relevant
Ein statistisch signifikantes Ergebnis (p < 0.05) bedeutet nur, dass der Unterschied wahrscheinlich nicht zufällig ist. Ob der Unterschied gross genug ist, um in der Praxis einen Unterschied zu machen, ist eine andere Frage. Achte auch auf die Effektgrösse.
Datenbanken für die Recherche
Für die Literaturrecherche stehen verschiedene Datenbanken zur Verfügung. Viele sind über Hochschulbibliotheken oder Arbeitgeber zugänglich.
PubMed
Grösste biomedizinische Datenbank, kostenlos zugänglich. Schwerpunkt auf Medizin.
pubmed.ncbi.nlm.nih.govCINAHL
Spezialdatenbank für Pflege und verwandte Gesundheitsberufe. Kostenpflichtig.
CINAHL DatabaseCochrane Library
Hochwertige systematische Reviews. Teilweise kostenlos zugänglich.
cochranelibrary.comBibliothekszugang nutzen
Als Studierende oder Mitarbeitende von Gesundheitsinstitutionen hast du oft Zugang zu kostenpflichtigen Datenbanken. Frage bei der Fachbibliothek deiner Institution nach. Die Universitätsbibliothek Basel bietet beispielsweise umfangreiche Ressourcen.
EBN im Pflegealltag umsetzen
Die Umsetzung von EBN im hektischen Pflegealltag ist eine Herausforderung. Hier einige praktische Tipps:
Was du tun kannst
- Fragen sammeln: Notiere dir Fragen, die im Alltag aufkommen, und recherchiere sie später gezielt.
- Kurze Zusammenfassungen nutzen: Cochrane Reviews bieten oft kurze, verständliche Zusammenfassungen.
- Leitlinien kennen: Aktuelle Leitlinien sind bereits aufbereitete Evidenz.
- Austausch im Team: Teile interessante Erkenntnisse mit Kolleginnen und Kollegen.
- Journal Clubs: Regelmässige Besprechungen von Studien im Team fördern die kritische Auseinandersetzung.
- Weiterbildungen besuchen: Viele Spitäler bieten EBN-Workshops an.
⚠ Barrieren bei der Umsetzung
Zeitmangel, fehlender Datenbankzugang, Schwierigkeiten beim Lesen englischer Texte und mangelnde institutionelle Unterstützung sind häufige Hindernisse. Sprich diese Probleme an und setze dich für bessere Rahmenbedingungen ein.