Nosokomiale Infektionen betreffen 5 bis 10% aller hospitalisierten Patienten und führen zu verlängerter Hospitalisierung, erhöhter Sterblichkeit und höheren Kosten. Die gute Nachricht: Etwa die Hälfte dieser Infektionen ist vermeidbar. Konsequente Hygienemassnahmen sind daher eine der wichtigsten Aufgaben im Pflegealltag.
Händehygiene: Die wichtigste Massnahme
Die Händedesinfektion ist die wirksamste Einzelmassnahme zur Prävention nosokomialer Infektionen. Sie ist einfach durchzuführen, kostengünstig und hochwirksam, wenn sie korrekt und zum richtigen Zeitpunkt erfolgt.
Die 5 Momente der Händehygiene (WHO)
Vor Patienten-kontakt
Vor aseptischen Tätigkeiten
Nach Kontakt mit Körper-flüssigkeiten
Nach Patienten-kontakt
Nach Kontakt mit Patienten-umgebung
Korrekte Durchführung
- Mindestens 3 ml Händedesinfektionsmittel verwenden
- Alle Handflächen vollständig benetzen
- Einwirkzeit von mindestens 20-30 Sekunden einhalten
- Fingerkuppen, Daumen und Fingerzwischenräume nicht vergessen
- Hände müssen vollständig trocken sein, bevor Handschuhe angezogen werden
⚠ Händewaschen nur bei sichtbarer Verschmutzung
Händedesinfektion ist in der Regel wirksamer als Händewaschen mit Seife. Händewaschen ist nur notwendig bei sichtbarer Verschmutzung, nach Toilettengang oder bei bestimmten Erregern wie Clostridioides difficile (Sporen werden durch Alkohol nicht abgetötet).
Persönliche Schutzausrüstung (PSA)
Die persönliche Schutzausrüstung schützt dich und deine Patienten vor Infektionsübertragung. Die Auswahl der PSA richtet sich nach dem Übertragungsweg des Erregers und der Art der Tätigkeit.
Komponenten der PSA
- Handschuhe: Bei Kontakt mit Blut, Körperflüssigkeiten, Schleimhäuten oder nicht intakter Haut. Nach jedem Patienten wechseln!
- Schutzkittel/Schürze: Bei Gefahr der Kontamination der Arbeitskleidung, bei Isolationspatienten.
- Chirurgische Maske: Bei Tröpfchenisolation, zum Schutz des Patienten bei aseptischen Tätigkeiten.
- FFP2/FFP3-Maske: Bei aerogener Übertragung (z.B. Tuberkulose, Masern, COVID-19 bei aerosolbildenden Massnahmen).
- Schutzbrille/Gesichtsschutz: Bei Gefahr von Spritzern in die Augen.
Reihenfolge beim An- und Ausziehen
- Anziehen: Händedesinfektion → Kittel → Maske → Schutzbrille → Handschuhe
- Ausziehen: Handschuhe → Händedesinfektion → Schutzbrille → Kittel → Maske → Händedesinfektion
- PSA immer im Vorraum/Schleusenbereich ablegen, nie im Patientenzimmer
- Nach Ablegen der PSA immer Händedesinfektion durchführen
Isolationsmassnahmen
Isolationsmassnahmen dienen dazu, die Übertragung von Krankheitserregern auf andere Patienten und Personal zu verhindern. Je nach Übertragungsweg werden verschiedene Isolationsarten unterschieden.
🧤 Kontaktisolation
- Bei MRSA, VRE, ESBL und anderen MRE
- Einzelzimmer wenn möglich
- Handschuhe + Kittel bei Patientenkontakt
- Patientenbezogene Pflegeutensilien
😷 Tröpfchenisolation
- Bei Influenza, RSV, Pertussis, Meningokokken
- Einzelzimmer, Tür geschlossen
- Chirurgische Maske bei Kontakt <1-2m
- Patient trägt Maske bei Transport
🌬️ Aerogene Isolation
- Bei Tuberkulose, Masern, Varizellen
- Einzelzimmer mit Unterdruckbelüftung
- FFP2/FFP3-Maske für Personal
- Tür immer geschlossen halten
Kohortierung
Wenn nicht genügend Einzelzimmer verfügbar sind, können Patienten mit dem gleichen Erreger im selben Zimmer untergebracht werden (Kohortierung). Dies ist besonders bei Ausbrüchen relevant.
Multiresistente Erreger (MRE)
Antibiotikaresistente Bakterien sind eine wachsende Bedrohung. Die häufigsten MRE im Spitalsetting sind MRSA, VRE und ESBL-bildende Enterobakterien. Swissnoso hat nationale Empfehlungen zur Prävention und Bekämpfung entwickelt.
🦠 MRSA: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus
MRSA kann schwere Infektionen verursachen (Wundinfektionen, Pneumonie, Sepsis) und ist gegen viele Antibiotika resistent. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich über direkten Kontakt.
Massnahmen: Kontaktisolation, Einzelzimmer, Screening von Risikopatienten, Dekolonisationsbehandlung bei Trägern.
MRSA-Screening
Risikopatienten werden bei Eintritt auf MRSA gescreent. Dazu gehören Patienten mit:
- Bekannter MRSA-Anamnese
- Verlegung aus Einrichtungen mit hoher MRSA-Prävalenz
- Chronischen Wunden oder Hautläsionen
- Liegenden Kathetern oder anderen Fremdkörpern
- Aufenthalt in Ländern mit hoher MRSA-Rate
Dekolonisation
Bei MRSA-Trägern wird eine Dekolonisationsbehandlung durchgeführt, um den Erreger zu eliminieren:
- Mupirocin-Nasensalbe 3x täglich für 5 Tage
- Antiseptische Ganzkörperwaschung mit Chlorhexidin oder Octenidin
- Täglicher Wechsel von Bettwäsche und Handtüchern
- Kontrollabstriche nach mindestens 48 Stunden Pause
Flächendesinfektion und Aufbereitung
Kontaminierte Oberflächen und Medizinprodukte können Erreger übertragen. Die korrekte Reinigung und Desinfektion ist daher Teil der Infektionsprävention.
Patientennahe Flächen
- Bettgestell, Nachttisch, Rufanlage, Türgriffe
- Tägliche Wischdesinfektion bei Isolationspatienten
- Schlussdesinfektion bei Entlassung/Verlegung
Medizinprodukte
- Einmalprodukte: Nicht wiederverwenden, fachgerecht entsorgen
- Semikritische Produkte: Desinfektion (Kontakt mit Schleimhaut)
- Kritische Produkte: Sterilisation (Kontakt mit sterilem Gewebe/Blut)
⚠ Kontaktzeit beachten
Desinfektionsmittel benötigen eine bestimmte Einwirkzeit, um wirksam zu sein. Lies die Herstellerangaben und wische nicht zu früh trocken. Bei MRE-Patienten können längere Einwirkzeiten oder spezielle Desinfektionsmittel erforderlich sein.
Organisation der Spitalhygiene
In Schweizer Akutspitälern ist ein Spitalhygiene-Team für die Überwachung und Beratung zuständig. Die strukturellen Mindestanforderungen sind von Swissnoso definiert.
Aufgaben des Spitalhygiene-Teams
- Überwachung von HAI-relevanten Keimen und Infektionsraten
- Beratung bei Screening, Isolation und Desinfektion
- Schulung des Personals
- Überwachung der Händehygiene-Compliance
- Intervention bei Ausbrüchen
- Erstellung und Aktualisierung von Richtlinien
Personalanforderungen nach Swissnoso
Pro 150 Betten ist mindestens ein Vollzeitäquivalent (Fachexperte/Fachexpertin für Infektionsprävention) erforderlich. Zusätzlich muss ein Facharzt/eine Fachärztin für Infektiologie mit Schwerpunkt Infektionsprävention beigezogen werden können.