Qualitätsmanagement (QM) ist in Schweizer Spitälern und Pflegeeinrichtungen gesetzlich vorgeschrieben. Es sorgt dafür, dass Prozesse standardisiert, Fehler vermieden und die Versorgungsqualität kontinuierlich verbessert wird. Als Pflegefachperson bist du ein wichtiger Teil dieses Systems und trägst täglich zur Qualitätssicherung bei.
Gesetzliche Grundlagen in der Schweiz
Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) verpflichtet alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen zu einem wirksamen Qualitätsmanagement. Seit 2021 konkretisiert der Qualitätsvertrag nach Art. 58a KVG die Anforderungen.
Qualitätsvertrag nach Art. 58a KVG
Jeder Leistungserbringer muss über ein geeignetes Qualitätsmanagementsystem (QMS) verfügen, das auf der höchsten Ebene der Organisation verankert ist. Das QMS muss mindestens umfassen:
- Eine verantwortliche Qualitätseinheit, die der Geschäftsleitung unterstellt ist
- Einen Prozess zur kontinuierlichen Verbesserung (PDCA-Zyklus)
- Regelmässige interne und externe Überprüfungen
- Dokumentierte Qualitätsziele und deren Messung
Externe Auditstellen überprüfen die Einhaltung dieser Vorgaben regelmässig.
H+ Leitfaden
Der Branchenverband H+ (Die Spitäler der Schweiz) hat einen Leitfaden entwickelt, der die Kriterien des Qualitätsvertrags konkretisiert und Empfehlungen für die Umsetzung gibt.
Der PDCA-Zyklus
Der PDCA-Zyklus (auch Deming-Kreis genannt) ist das Herzstück jedes Qualitätsmanagementsystems. Er beschreibt einen iterativen Prozess zur kontinuierlichen Verbesserung, der in vier Phasen abläuft.
📋 Plan (Planen)
Problem analysieren, Ursachen identifizieren, Ziele definieren und Massnahmen planen. Wer macht was bis wann?
⚡ Do (Umsetzen)
Die geplanten Massnahmen werden umgesetzt, zunächst oft in kleinem Rahmen als Pilotprojekt.
🔍 Check (Überprüfen)
Ergebnisse werden gemessen und mit den Zielen verglichen. Wurden die erwarteten Verbesserungen erreicht?
🔄 Act (Handeln)
Bei Erfolg: Standardisierung und Ausweitung. Bei Misserfolg: Anpassung und erneuter Durchlauf des Zyklus.
Praxisbeispiel: Sturzprävention
- Plan: Analyse zeigt erhöhte Sturzrate auf Station. Ziel: Reduktion um 30% in 6 Monaten. Massnahme: Einführung eines systematischen Sturzrisiko-Assessments bei Eintritt.
- Do: Das Assessment-Tool wird eingeführt, Pflegende werden geschult, Risikopatienten erhalten präventive Massnahmen.
- Check: Nach 3 Monaten: Sturzrate um 20% gesunken. Befragung zeigt: Assessment wird nicht immer vollständig durchgeführt.
- Act: Checkliste wird vereinfacht, Erinnerungssystem im KIS eingebaut. Zyklus beginnt von vorn.
QM-Rahmenwerke und Zertifizierungen
Verschiedene Rahmenwerke und Normen geben Strukturen für das Qualitätsmanagement vor. In Schweizer Gesundheitseinrichtungen sind vor allem folgende verbreitet:
ISO 9001
Internationale Norm für QM-Systeme. Branchenübergreifend anwendbar, prozessorientiert, basiert auf PDCA.
EFQM
European Foundation for Quality Management. Umfassendes Modell mit Fokus auf Excellence und Selbstbewertung.
sanaCERT
Schweizer Qualitätslabel für Spitäler und Kliniken. Branchenspezifisch entwickelt.
JCI
Joint Commission International. Internationaler Goldstandard für Spitalakkreditierung.
ISO 9001 in der Pflege
Die ISO 9001 ist die am weitesten verbreitete QM-Norm. Sie gibt keine konkreten Pflegestandards vor, sondern definiert Anforderungen an das Managementsystem selbst:
- Kundenorientierung (Patientenzufriedenheit)
- Führung und Verantwortung der Leitung
- Einbeziehung der Mitarbeitenden
- Prozessorientierter Ansatz
- Kontinuierliche Verbesserung
- Faktenbasierte Entscheidungsfindung
- Beziehungsmanagement (Lieferanten, Partner)
Was bringt eine Zertifizierung?
Eine Zertifizierung nach ISO 9001 oder anderen Standards ist ein Nachweis gegenüber Patienten, Zuweisern und Versicherern, dass systematisches Qualitätsmanagement betrieben wird. Sie erfordert regelmässige externe Audits und fördert die interne Qualitätskultur.
Audits: Interne und externe Überprüfung
Audits sind systematische Überprüfungen, ob die definierten Prozesse eingehalten werden und wirksam sind. Sie sind ein zentrales Element des Qualitätsmanagements.
Interne Audits
Werden von geschulten Mitarbeitenden der eigenen Organisation durchgeführt. Sie dienen der Selbstüberprüfung und der Vorbereitung auf externe Audits.
Externe Audits
Werden von unabhängigen Zertifizierungsstellen durchgeführt. Sie sind Voraussetzung für die Erlangung und Aufrechterhaltung von Zertifikaten.
Vorbereitung
Audit-Termin festlegen, Dokumentation bereitstellen, Mitarbeitende informieren
Dokumentenprüfung
Auditoren prüfen Prozessbeschreibungen, Arbeitsanweisungen, Protokolle
Vor-Ort-Begehung
Beobachtung der Abläufe, Gespräche mit Mitarbeitenden aller Ebenen
Abschlussgespräch
Präsentation der Ergebnisse, Feststellung von Stärken und Verbesserungspotenzial
Audit-Bericht
Schriftliche Dokumentation, ggf. mit Abweichungen und Empfehlungen
Massnahmen umsetzen
Korrekturmassnahmen bei Abweichungen, Verbesserungen einleiten
⚠ Audits sind keine Prüfungen
Ein Audit ist keine Kontrolle einzelner Mitarbeitender, sondern eine Überprüfung des Systems. Sei offen und ehrlich bei Audit-Gesprächen. Schwachstellen zu benennen ist keine Schwäche, sondern zeigt Qualitätsbewusstsein.
Deine Rolle im Qualitätsmanagement
Qualitätsmanagement ist nicht nur Sache der QM-Beauftragten. Jede Pflegefachperson trägt täglich zur Qualität bei und ist Teil des Systems.
Dein Beitrag zur Qualität
- Standards und Richtlinien kennen und einhalten
- Abweichungen und Beinahe-Fehler melden (CIRS)
- An Qualitätsprojekten und Verbesserungsmassnahmen mitwirken
- Dokumentation vollständig und zeitnah führen
- Bei Audits offen und konstruktiv teilnehmen
- Verbesserungsvorschläge einbringen
- Fortbildungen zu Qualitätsthemen besuchen
- Neue Mitarbeitende in Standards einführen
CIRS: Aus Fehlern lernen
Das Critical Incident Reporting System (CIRS) ist ein anonymes Meldesystem für kritische Ereignisse und Beinahe-Fehler. Es dient nicht der Schuldzuweisung, sondern dem organisationalen Lernen. In einer guten Sicherheitskultur werden CIRS-Meldungen aktiv gefördert und ausgewertet.
Qualitätsindikatoren
Viele Spitäler messen und veröffentlichen Qualitätsindikatoren wie Sturzraten, Dekubitusraten, Infektionsraten oder Patientenzufriedenheit. Diese Daten helfen, Verbesserungspotenzial zu erkennen und den Erfolg von Massnahmen zu messen.
QM-Instrumente im Pflegealltag
Verschiedene Instrumente helfen, Qualität im Alltag zu sichern und zu verbessern:
- Pflegestandards: Verbindliche Beschreibungen, wie bestimmte Pflegehandlungen durchzuführen sind.
- Checklisten: Helfen, kritische Schritte nicht zu vergessen (z.B. OP-Checkliste, Übergabecheckliste).
- Assessments: Strukturierte Einschätzungen von Risiken (Sturz, Dekubitus, Mangelernährung).
- Pflegeprozess: Systematische Planung, Durchführung und Evaluation der Pflege.
- Fallbesprechungen: Regelmässige Reflexion komplexer Pflegesituationen im Team.
- Patientenbefragungen: Feedback der Patienten zur Pflegequalität.