Medikamentenlehre für Pflegende

Die 6-R-Regel, Applikationsarten und wichtige Medikamentengruppen: Grundlagen für eine sichere Medikamentenverabreichung im Pflegealltag.

Medikamentenfehler gehören zu den häufigsten vermeidbaren Fehlern im Gesundheitswesen. Als Pflegefachperson trägst du eine grosse Verantwortung bei der korrekten Verabreichung von Arzneimitteln. Dieser Artikel vermittelt dir die wichtigsten Grundlagen der Pharmakologie und gibt praktische Hinweise für den sicheren Umgang mit Medikamenten.

Die 6-R-Regel

Die 6-R-Regel ist eine Checkliste, die bei jeder Medikamentenverabreichung angewendet werden sollte. Sie hilft, Fehler zu vermeiden und die Sicherheit zu erhöhen.

1

Richtiger Patient

Identität überprüfen (Name, Geburtsdatum)

2

Richtiges Medikament

Wirkstoff und Handelsname kontrollieren

3

Richtige Dosierung

Menge und Stärke überprüfen

4

Richtige Applikationsart

Verabreichungsweg gemäss Verordnung

5

Richtiger Zeitpunkt

Verordnete Zeit und Intervalle einhalten

6

Richtige Dokumentation

Verabreichung sofort dokumentieren

4-Augen-Prinzip

Bei Hochrisiko-Medikamenten (z.B. Insulin, Antikoagulantien, Zytostatika, Opioide) sollte eine zweite Pflegefachperson die Richtigkeit kontrollieren. Das 4-Augen-Prinzip reduziert Fehler erheblich.

Applikationsarten

Je nach Wirkstoff, gewünschtem Wirkungseintritt und Zustand des Patienten werden Medikamente auf unterschiedlichen Wegen verabreicht.

Übersicht der Applikationswege

Oral (p.o.)

Durch den Mund: Tabletten, Kapseln, Tropfen, Säfte. Häufigste Form, einfach, aber langsamer Wirkungseintritt.

Sublingual (s.l.)

Unter der Zunge: Schnelle Resorption über Mundschleimhaut. z.B. Nitroglycerin bei Angina pectoris.

Rektal (rect.)

Über den Enddarm: Zäpfchen, Klysmen. Bei Übelkeit/Erbrechen oder für lokale Wirkung.

Topisch/Kutan

Auf die Haut: Salben, Cremes, Pflaster. Lokale oder systemische Wirkung (transdermal).

Intravenös (i.v.)

In die Vene: Sofortiger Wirkungseintritt, 100% Bioverfügbarkeit. Invasiv, Infektionsrisiko.

Intramuskulär (i.m.)

In den Muskel: Depot-Wirkung möglich, langsamere Resorption als i.v.

Subkutan (s.c.)

Unter die Haut: z.B. Insulin, Heparin. Langsame, gleichmässige Resorption.

Inhalativ

Über die Atemwege: Dosieraerosole, Vernebler. Lokale Wirkung in den Atemwegen oder systemisch.

⚠ Retardierte Formen nicht teilen

Retardtabletten und -kapseln dürfen in der Regel nicht geteilt, zermörsert oder geöffnet werden. Die Retardierung würde zerstört und die gesamte Wirkstoffmenge auf einmal freigesetzt, was zu Überdosierung führen kann.

Wichtige Medikamentengruppen

Ein grundlegendes Verständnis der häufigsten Medikamentengruppen hilft dir, Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen einzuschätzen.

Analgetika

Schmerzmittel: Nicht-Opioide (Paracetamol, NSAR) und Opioide (Morphin, Tramadol)

Cave: Atemdepression bei Opioiden

Antibiotika

Gegen bakterielle Infektionen. Viele Gruppen mit unterschiedlichem Wirkspektrum.

Cave: Allergien, Resistenzentwicklung

Antikoagulantien

Blutverdünner: Heparine, Vitamin-K-Antagonisten (Marcoumar), DOAKs

Cave: Blutungsrisiko, INR-Kontrolle

Antidiabetika

Blutzuckersenkende Medikamente: Insulin, orale Antidiabetika (Metformin etc.)

Cave: Hypoglykämie

Antihypertensiva

Blutdrucksenker: ACE-Hemmer, Betablocker, Diuretika, Kalziumantagonisten

Cave: Hypotonie, Elektrolytstörungen

Psychopharmaka

Antidepressiva, Neuroleptika, Benzodiazepine, Stimmungsstabilisatoren

Cave: Sedierung, Sturzgefahr

Diuretika

Entwässernde Medikamente: Schleifendiuretika, Thiazide, kaliumsparende

Cave: Elektrolytstörungen, Exsikkose

Kortikosteroide

Entzündungshemmend, immunsuppressiv. Systemisch oder lokal anwendbar.

Cave: Infektanfälligkeit, Blutzucker ↑

Wechselwirkungen und Kontraindikationen

Viele Medikamente können miteinander interagieren und sich in ihrer Wirkung verstärken, abschwächen oder neue unerwünschte Wirkungen hervorrufen. Auch Nahrungsmittel können Wechselwirkungen verursachen.

🚨 Häufige gefährliche Interaktionen

  • Antikoagulantien + NSAR: Erhöhtes Blutungsrisiko
  • ACE-Hemmer + Kalium: Hyperkaliämie
  • Marcoumar + Vitamin K: Wirkungsabschwächung
  • Grapefruit + viele Medikamente: Verstärkte Wirkung durch Enzymhemmung
  • Benzodiazepine + Opioide: Verstärkte Atemdepression
  • Digoxin + Hypokaliämie: Toxizität erhöht

Kontraindikationen beachten

Bestimmte Erkrankungen oder Zustände schliessen die Anwendung gewisser Medikamente aus. Typische Beispiele:

Arzneimittel-Kompendium der Schweiz

Das Arzneimittel-Kompendium enthält alle offiziellen Informationen zu in der Schweiz zugelassenen Medikamenten, einschliesslich Wechselwirkungen und Kontraindikationen. Es ist online unter compendium.ch verfügbar.

Praktische Tipps für den Alltag

Sichere Medikamentenverabreichung

  • Medikamente nur nach ärztlicher Verordnung verabreichen
  • 6-R-Regel bei jeder Verabreichung anwenden
  • Störungen und Ablenkungen beim Richten vermeiden
  • Hände desinfizieren vor dem Richten
  • Verfalldatum und Zustand der Medikamente prüfen
  • Patienten über Wirkung und mögliche Nebenwirkungen informieren
  • Beobachtung nach Verabreichung dokumentieren
  • Unklare Verordnungen immer rückfragen

Beobachtung und Dokumentation

Nach der Medikamentenverabreichung ist die Beobachtung des Patienten wichtig. Achte auf:

⚠ Nebenwirkungen melden

Schwerwiegende oder unbekannte Nebenwirkungen sollten an Swissmedic gemeldet werden. Auch Pflegefachpersonen können Meldungen einreichen. Dies trägt zur Arzneimittelsicherheit bei.

Lagerung und Entsorgung

Korrekte Lagerung

Sichere Entsorgung

Abgelaufene oder nicht mehr benötigte Medikamente gehören nicht in den Hausmüll oder die Toilette. In der Schweiz können sie in Apotheken oder über spezielle Entsorgungsstellen abgegeben werden. Im Spital gelten die internen Richtlinien für die Entsorgung von Arzneimitteln.

Quellen und weiterführende Informationen