Ein Krankenhausaufenthalt löst bei vielen Menschen Angst aus. Du als Pflegefachperson bist oft die erste Anlaufstelle. Mit den richtigen Kommunikationsstrategien und Techniken kannst du ängstliche Patienten beruhigen, ihr Vertrauen gewinnen und sie sicher durch belastende Situationen begleiten.
Angst erkennen: Zeichen und Symptome
Nicht alle Patienten sprechen offen über ihre Ängste. Viele versuchen, tapfer zu sein oder schämen sich. Als Pflegefachperson musst du die Zeichen lesen können, auch wenn sie nicht direkt ausgesprochen werden.
Körperliche Zeichen
- Erhöhter Puls, Herzrasen
- Schnelle, flache Atmung (Hyperventilation)
- Schwitzen, feuchte Hände
- Blässe oder Erröten
- Zittern, motorische Unruhe
- Übelkeit, Bauchschmerzen
- Erhöhter Blutdruck
- Erweiterte Pupillen
Verhaltenszeichen
- Nervöses Herumlaufen
- Ständiges Fragen und Rückversichern
- Ausführliches Erzählen der Krankengeschichte
- Vermeidung von Augenkontakt
- Reizbarkeit, Ungeduld
- Rückzug, Schweigen
- Übertriebene Fröhlichkeit (Fassade)
Verbale Hinweise
- «Was, wenn etwas schiefgeht?»
- «Ich habe gehört, dass...»
- «Mein Nachbar hatte auch...»
- Wiederholtes Nachfragen
- Bagatellisieren eigener Sorgen
- «Das ist doch sicher gefährlich?»
- Übermässiges Reden oder völliges Verstummen
Besonders aufmerksam sein nach Aufklärungsgesprächen
Nach dem Gespräch mit Chirurgen oder Anästhesisten steigt die Angst oft an. Patienten beginnen dann verstärkt, über ihre Krankengeschichte zu sprechen oder ergänzen nervös Details. Das ist ein klares Signal: Hier braucht jemand Zuwendung.
Was löst Angst aus?
Um Angst zu reduzieren, musst du ihre Ursachen verstehen. Die häufigsten Angstauslöser im klinischen Alltag lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen.
Ungewissheit
Was passiert als Nächstes?
Kontrollverlust
Anderen ausgeliefert sein
Schmerzen
Erwartung von Schmerz
Frühere Erfahrungen
Negative Erlebnisse
Trennung
Weg von Angehörigen
Diagnose
Angst vor schlechten Nachrichten
Kommunikationsstrategien
Deine Worte können Angst verstärken oder reduzieren. Die richtige Kommunikation ist das wichtigste Werkzeug im Umgang mit ängstlichen Patienten.
Die 6 Grundprinzipien
Transparent informieren
Erkläre jeden Schritt vorher. «Ich werde jetzt Ihren Blutdruck messen. Sie spüren einen leichten Druck am Arm.» Ungewissheit verstärkt Angst.
Verständlich sprechen
Keine Fachbegriffe, keine Abkürzungen. Was für dich Routine ist, kann für Patienten fremd und bedrohlich klingen.
Gefühle validieren
«Ich verstehe, dass Sie nervös sind. Das ist völlig normal vor einem Eingriff.» Nicht bagatellisieren oder wegdiskutieren.
Positiv formulieren
Statt «Das tut nicht weh» sage «Sie spüren einen kurzen Druck». Das Gehirn hört das Wort «weh» trotz Verneinung.
Kontrolle zurückgeben
«Sagen Sie mir jederzeit Bescheid, wenn Sie eine Pause brauchen.» Wer Kontrolle hat, hat weniger Angst.
Präsenz zeigen
Augenkontakt, ruhige Stimme, langsame Bewegungen. Deine eigene Ruhe überträgt sich auf den Patienten.
Sage lieber...
- «Sie spüren gleich einen kurzen Druck»
- «Die meisten vertragen es sehr gut»
- «Ich bin die ganze Zeit bei Ihnen»
- «Atmen Sie ruhig weiter»
- «Ich erkläre Ihnen jeden Schritt»
- «Wenn Sie möchten, können wir kurz pausieren»
Vermeide...
- «Das tut jetzt weh»
- «Keine Sorge, das ist harmlos»
- «Da müssen Sie jetzt durch»
- «Stellen Sie sich nicht so an»
- «Das ist doch nicht schlimm»
- «Melden Sie sich, wenn es zu viel wird»
Die 4-7-8 Atemtechnik
Diese Technik ist einfach zu erklären und sofort wirksam. Sie aktiviert den Vagusnerv, senkt den Puls und reduziert Stresshormone. Du kannst sie Patienten in wenigen Sekunden beibringen.
4-7-8 Methode nach Dr. Andrew Weil
Basierend auf der Yoga-Tradition Pranayama
Weitere Beruhigungstechniken
- Ablenkung: Lass den Patienten von etwas Positivem erzählen (Haustier, Enkel, Hobby)
- Zählen lassen: Rückwärts von 100 in 7er-Schritten. Bindet kognitive Ressourcen
- Körperfokus: «Spüren Sie Ihre Füsse auf dem Boden» erdet im Hier und Jetzt
- Hand halten: Körperkontakt (wenn erwünscht) vermittelt Sicherheit
- Kühltuch: Ein kühles Tuch auf der Stirn kann bei Panik helfen. Bei wiederkehrenden Panikattacken kann tiefenpsychologische Entspannungstherapie nachhaltig helfen.
Besondere Patientengruppen
Manche Patienten brauchen besondere Aufmerksamkeit. Ihre Ängste äussern sich anders oder erfordern angepasste Strategien.
Kinder
Spielerische Erklärungen, Kuscheltier einbeziehen, Eltern als Ressource nutzen. Ehrlich bleiben, aber kindgerecht formulieren.
Ältere Menschen
Langsamer sprechen, mehr Zeit lassen. Oft versteckte Ängste vor Abhängigkeit und Würdeverlust. Autonomie betonen.
Psychiatrisch vorerkrankt
Höheres Angstlevel, längere Dauer. Frühzeitig Fachpersonal einbeziehen. Besonders strukturierte Kommunikation wichtig.
Erstoperationen
Keine Vorerfahrung, alles ist fremd. Besonders ausführlich erklären, was «normal» ist. Nachsorge bereits vorher besprechen.
Wann professionelle Hilfe hinzuziehen?
Wenn Patienten trotz deiner Bemühungen nicht zu beruhigen sind, eine Panikattacke erleben oder ihre Angst den Behandlungsablauf gefährdet, ziehe Fachpersonal hinzu. Bei psychiatrisch vorerkrankten Patienten kann eine medikamentöse Unterstützung (Prämedikation mit Benzodiazepinen) sinnvoll sein.
Selbstfürsorge für Pflegende
Der Umgang mit ängstlichen Patienten kann belastend sein. Die ständige emotionale Arbeit kostet Kraft. Achte auf deine eigenen Grenzen.
Deine eigene Stabilität pflegen
Du kannst nur dann Ruhe ausstrahlen, wenn du selbst ruhig bist. Regelmässige Selbstfürsorge ist keine Schwäche, sondern Professionalität.
- Deeskalationstraining: Erkundige dich bei deinem Arbeitgeber nach Schulungen
- Kollegialer Austausch: Sprich über belastende Situationen im Team
- Supervision: Nutze Angebote für professionelle Reflexion
- Pausen nehmen: Nach emotional fordernden Situationen kurz durchatmen
- Die 4-7-8 Technik: Funktioniert auch für dich selbst
Zusammenfassung
- Früherkennung: Achte auf körperliche, verhaltens- und verbale Zeichen von Angst
- Transparent kommunizieren: Jeden Schritt vorher erklären, verständlich sprechen
- Gefühle validieren: «Ich verstehe, dass Sie nervös sind» statt bagatellisieren
- Positiv formulieren: «Leichter Druck» statt «Tut nicht weh»
- Kontrolle geben: Patienten Mitsprache ermöglichen
- Atemtechnik lehren: 4-7-8 ist schnell erklärt und sofort wirksam
- Präsenz zeigen: Deine Ruhe überträgt sich
- Selbstfürsorge: Achte auf deine eigenen Grenzen
Für Patienten mit ausgeprägter Angst kann eine spezialisierte Therapie sinnvoll sein. Angsttherapie in Basel bietet bewährte Methoden, um Ängste nachhaltig zu überwinden.