Pflegefachpersonen sind in der Schweiz die am stärksten gesuchte Berufsgruppe. Über 8'600 offene Stellen waren Ende 2024 ausgeschrieben. Gleichzeitig verlassen viele Fachkräfte den Beruf vorzeitig. Die Pflegeinitiative soll Abhilfe schaffen, doch der Weg ist lang. Ein Überblick über die Lage und mögliche Lösungen.
Die Zahlen im Detail
Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) veröffentlicht regelmässig Daten zum Pflegepersonal. Die aktuellen Zahlen zeigen: Der Bedarf übersteigt das Angebot deutlich.
Bedarf bis 2030
Um den Pflegebedarf der Schweizer Bevölkerung bis 2030 zu decken, werden rund 43'000 Pflegefachpersonen mit Tertiärabschluss (HF/FH) benötigt:
- 16'000 für den zusätzlichen Bedarf durch demographischen Wandel
- 27'500 zum Ersatz von Abgängen (Pensionierungen, Berufsausstieg)
Deckungsgrad Pflegepersonal Tertiärstufe (Prognose 2029)
Bei der Sekundarstufe II (FaGe, AGS) sieht es etwas besser aus: Hier liegt der prognostizierte Deckungsgrad bei 80%. Dennoch bleibt eine Lücke.
Nationales Monitoring Pflegepersonal
Seit Juli 2024 gibt es unter pflegemonitoring.ch ein nationales Monitoring, das die Situation des Pflegepersonals abbildet. Es dient als Steuerungsinstrument für die Umsetzung der Pflegeinitiative.
Ursachen des Mangels
Der Fachkräftemangel hat vielfältige Gründe. Neben der demographischen Entwicklung spielen strukturelle Probleme im Berufsfeld eine zentrale Rolle.
Demographischer Wandel
Mehr ältere Menschen brauchen Pflege, während gleichzeitig weniger Junge nachkommen.
Hohe Berufsausstiegsrate
46% der Pflegenden verlassen den Beruf vor der Pensionierung. Median: nach 15 Jahren.
Belastende Arbeitsbedingungen
Schichtarbeit, Personalmangel, hoher Zeitdruck und emotionale Belastung.
Unattraktive Entlöhnung
Lohn steht oft nicht im Verhältnis zur Verantwortung und Belastung.
Fehlende Karriereperspektiven
Wenig Aufstiegsmöglichkeiten ohne Wechsel ins Management oder Studium.
Unterfinanzierung
Gesundheitsinstitutionen fehlen Mittel für bessere Personalschlüssel.
«Die Arbeitssituation vieler Berufsangehöriger hat sich seit Corona vielerorts sogar verschlechtert. Es müssen neben einer umfassenden Umsetzung der Pflegeinitiative auch Sofortmassnahmen umgesetzt werden.»— Yvonne Ribi, Geschäftsführerin SBK
Lösungsansätze
Der Fachkräftemangel lässt sich nur mit einem Bündel von Massnahmen bekämpfen. Hier die wichtigsten Ansätze auf verschiedenen Ebenen:
Ausbildungsoffensive (Pflegeinitiative Etappe 1)
Die erste Etappe der Pflegeinitiative zielt auf mehr Ausbildungsabschlüsse:
- Finanzielle Unterstützung für Studierende (HF/FH)
- Mehr praktische Ausbildungsplätze in Betrieben
- Förderung innovativer Ausbildungsmodelle
- Bessere Betreuung durch mehr Praxisausbildner/innen
Verbesserung der Arbeitsbedingungen (Pflegeinitiative Etappe 2)
Die zweite Etappe adressiert die Gründe für den Berufsausstieg:
- Verlängerte Ankündigungsfristen für Dienstpläne
- Zuschläge für kurzfristige Arbeitseinsätze
- Bessere Personalschlüssel
- Stärkung der Selbstständigkeit und Kompetenzen
Internationale Rekrutierung
Die Schweiz rekrutiert seit Jahren Personal aus dem Ausland:
- Anerkennung ausländischer Diplome durch SRK
- Gezielte Anwerbung in EU-Ländern
- Kritik: Ethische Bedenken («Brain Drain»), keine nachhaltige Lösung
- WHO Global Code of Practice wird oft nicht eingehalten
Digitalisierung und Skill-Grade-Mix
Technologie und neue Arbeitsmodelle können entlasten:
- Elektronisches Patientendossier (EPD) reduziert Doppelspurigkeiten
- Pflegeroboter für Logistik und einfache Tätigkeiten
- Optimierter Einsatz verschiedener Qualifikationsstufen
- Entlastung von administrativen Aufgaben
Wiedereinstieg und Verbleib fördern
Massnahmen, um ausgestiegene Fachkräfte zurückzuholen:
- Wiedereinstiegsprogramme mit Auffrischungskursen
- Flexible Arbeitsmodelle (Teilzeit, Jobsharing)
- Altersgerechte Arbeitsplätze für ältere Pflegende
- Betreuungsangebote für Pflegende mit Kindern
Keine schnelle Lösung
Selbst bei optimaler Umsetzung aller Massnahmen wird es Jahre dauern, bis sich die Situation verbessert. Eine HF-Ausbildung dauert 3 Jahre, ein FH-Studium 4 Jahre. Die Wirkung der Ausbildungsoffensive zeigt sich frühestens ab 2027.
Situation in der Region Basel
Die Nordwestschweiz ist wie andere Regionen stark vom Fachkräftemangel betroffen. Gleichzeitig bietet die Region mit dem Universitätsspital Basel, den Kantonsspitälern und zahlreichen Langzeitpflegeeinrichtungen viele Arbeitsplätze.
Besonderheiten der Region
- Grenzregion: Rekrutierung aus Deutschland und Frankreich möglich
- Hohe Lebenskosten: Löhne müssen konkurrenzfähig sein
- Starke Ausbildungslandschaft: BZG, FHNW, Uni Basel
- Interprofessionelle Zusammenarbeit: Gute Vernetzung der Institutionen
Ausbildungsbeiträge Basel
Die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft setzen die Ausbildungsoffensive aktiv um. Pflegestudierende können finanzielle Unterstützung beantragen. Mehr Infos bei den kantonalen Gesundheitsdepartementen.