Ernährung und Dysphagie in der Pflege

Mangelernährung erkennen, Schluckstörungen beurteilen und enterale Ernährung sicher durchführen.

Mangelernährung ist ein unterschätztes Problem im Gesundheitswesen: In Schweizer Spitälern sind 20-30% der Patientinnen und Patienten davon betroffen, in Pflegeheimen bis zu 50%. Schluckstörungen (Dysphagie) erhöhen das Risiko für Mangelernährung und Aspirationspneumonie erheblich. Als Pflegefachperson spielst du eine zentrale Rolle bei der Früherkennung und Intervention.

Screening auf Mangelernährung

Frühzeitiges Erkennen von Mangelernährung ist entscheidend. Die ESPEN (European Society for Clinical Nutrition and Metabolism) empfiehlt ein Screening aller hospitalisierten Patienten innerhalb von 24-48 Stunden nach Aufnahme.

NRS 2002

Nutritional Risk Screening für hospitalisierte Patienten. Von ESPEN empfohlen.

Kriterien: BMI, Gewichtsverlust, Nahrungsaufnahme, Krankheitsschwere, Alter >70 Jahre

MUST

Malnutrition Universal Screening Tool. Schnell und einfach durchführbar.

Kriterien: BMI, ungeplanter Gewichtsverlust, akute Erkrankung mit Nahrungskarenz

MNA-SF

Mini Nutritional Assessment Short Form. Speziell für geriatrische Patienten.

Kriterien: Appetit, Gewichtsverlust, Mobilität, psychischer Stress, BMI/Wadenumfang

Interpretation NRS 2002

Score 0-2: Tiefes Risiko, wöchentliche Kontrolle. Score 3: Risiko, Ernährungsberatung einleiten. Score 4-5: Hohes Risiko, sofortige Intervention und Ernährungstherapie.

Typische Risikogruppen

Dysphagie verstehen

Dysphagie bezeichnet Schluckstörungen, die das sichere Schlucken von Speichel, Flüssigkeiten oder fester Nahrung beeinträchtigen. In der Schweiz sind etwa 5% der Gesamtbevölkerung betroffen, bei über 65-Jährigen etwa 14% und bei Pflegeheimbewohnern über 50%.

Schluckphasen

Der Schluckvorgang ist ein komplexer Prozess mit über 50 beteiligten Muskeln und wird in vier Phasen eingeteilt:

1

Orale Vorbereitungsphase

Nahrungsaufnahme, Kauen, Einspeicheln und Bolusformung. Willkürlich gesteuert. Dauer variabel je nach Konsistenz.

2

Orale Transportphase

Transport des Bolus nach hinten Richtung Rachen durch Zungenbewegung. Willkürlich, Dauer ca. 1 Sekunde.

3

Pharyngeale Phase

Reflexgesteuerte Phase: Gaumensegel schliesst Nasenraum ab, Kehlkopf hebt sich, Stimmritze schliesst, Atemwege geschützt. Dauer ca. 1 Sekunde.

4

Ösophageale Phase

Peristaltischer Transport durch die Speiseröhre in den Magen. Unwillkürlich, Dauer 8-20 Sekunden.

Warnzeichen für Aspiration

  • Husten oder Würgen während oder nach dem Essen/Trinken
  • Feuchte, gurgelnde Stimme nach dem Schlucken
  • Nahrungsreste im Mund nach dem Schlucken
  • Häufiges Räuspern während der Mahlzeit
  • Auslaufen von Nahrung oder Flüssigkeit aus Mund oder Nase
  • Unklare Fieberschübe (stille Aspiration!)
  • Gewichtsverlust, Dehydratation

⚠ Stille Aspiration

Bis zu 50% der Aspirationen verlaufen «still», d.h. ohne Husten oder andere offensichtliche Zeichen. Besonders gefährdet sind Patienten mit Schlaganfall, Demenz oder reduzierter Vigilanz. Regelmässiges Screening ist daher unerlässlich.

Dysphagie-Screening: Der GUSS

Der Gugging Swallowing Screen (GUSS) ist ein validiertes Screening-Instrument, das auch von Pflegefachpersonen durchgeführt werden kann. Er wurde speziell für Schlaganfallpatienten entwickelt, eignet sich aber auch für andere Patientengruppen.

Aufbau des GUSS

  1. Voruntersuchung: Vigilanz, Husten, Speichelschluck, Stimmqualität
  2. Direkter Schluckversuch: Schrittweise mit breiiger Kost, Flüssigkeit und fester Nahrung
GUSS-Score Schweregrad Empfehlung
20 Punkte Keine Dysphagie Normale Kost, regelmässige Beobachtung
15-19 Punkte Leichte Dysphagie Weiche Kost, Flüssigkeiten schluckweise, Logopädie-Konsil
10-14 Punkte Mittlere Dysphagie Pürierte Kost, angedickte Flüssigkeiten, FEES/Videofluoroskopie
0-9 Punkte Schwere Dysphagie NPO (nil per os), alternative Ernährung, FEES obligat

FEES und Videofluoroskopie

Die FEES (Fiberoptisch-Endoskopische Evaluation des Schluckens) ist der Goldstandard zur instrumentellen Dysphagie-Diagnostik in der Schweiz. Sie wird durch Fachärzte oder spezialisierte Logopädinnen durchgeführt und ermöglicht die direkte Visualisierung des Schluckakts.

Ernährungsformen

Je nach Schluckfähigkeit und Verdauungsfunktion stehen verschiedene Ernährungsformen zur Verfügung:

🍽️

Orale Ernährung

Normale Kost, adaptierte Konsistenzen, Trinknahrung (Supplements)

🔄

Enterale Ernährung

Über Magen-Darm-Trakt via Sonde (nasogastral, PEG, PEJ)

💉

Parenterale Ernährung

Intravenös, unter Umgehung des GI-Trakts

Kostformen bei Dysphagie

Die Internationale Dysphagie-Diät-Standardisierung (IDDSI) definiert einheitliche Stufen für Nahrungskonsistenzen und Flüssigkeiten:

Enterale Ernährung über Sonden

Wenn die orale Nahrungsaufnahme nicht ausreicht oder zu gefährlich ist, erfolgt die Ernährung über eine Sonde. Die Wahl der Sonde hängt von der voraussichtlichen Dauer und dem klinischen Zustand ab.

Nasogastrische Sonde

Über Nase in den Magen. Einfache Anlage, aber Irritation möglich.

Dauer: bis 4-6 Wochen

Nasojejunale Sonde

Über Nase bis ins Jejunum. Bei Reflux oder Aspirationsrisiko.

Dauer: bis 4-6 Wochen

PEG

Perkutane endoskopische Gastrostomie. Direkt durch Bauchdecke in Magen.

Dauer: Langzeit (Monate/Jahre)

PEJ / JET-PEG

Jejunale Sonde. Bei Magenentleerungsstörung oder hohem Aspirationsrisiko.

Dauer: Langzeit

Pflege bei Sondernährung

  • Sondenlage vor jeder Applikation kontrollieren (Aspiration, pH-Messung bei Magensonde)
  • Oberkörperhochlagerung 30-45° während und 30-60 Min. nach Applikation
  • Regelmässige Mundpflege, auch wenn keine orale Nahrungsaufnahme
  • Sonde mit 20-30 ml Wasser vor und nach Medikamentengabe spülen
  • Magenrest kontrollieren bei gastraler Sonde (Richtwert: <200-500 ml)
  • PEG-Einstichstelle täglich inspizieren (Rötung, Sekret, Granulation)
  • Sondensystem täglich wechseln, Behälter alle 24 Stunden ersetzen
  • Dokumentation: Menge, Zeit, Verträglichkeit, Komplikationen

⚠ Refeeding-Syndrom

Bei Wiederaufnahme der Ernährung nach längerer Nahrungskarenz (>5 Tage) oder bei stark mangelernährten Patienten kann es zu gefährlichen Elektrolytverschiebungen kommen (v.a. Hypophosphatämie). Langsamer Nahrungsaufbau und engmaschige Laborkontrolle sind essenziell.

Praktische Tipps bei Dysphagie

Unterstützung bei oraler Ernährung

Nachbereitung

Zusammenarbeit mit Logopädie

Die Logopädin ist die Spezialistin für Schluckdiagnostik und -therapie. Sie führt die klinische Schluckuntersuchung durch, empfiehlt geeignete Kostformen und trainiert kompensatorische Schlucktechniken. Eine enge Zusammenarbeit ist für den Behandlungserfolg entscheidend.

Quellen und weiterführende Informationen