Bei einem Drittel aller Patienten finden Ärzte keine körperliche Ursache für ihre Beschwerden. Das bedeutet nicht, dass die Schmerzen eingebildet sind. Psychosomatische Beschwerden sind real, sie entstehen im Zusammenspiel von Körper und Psyche. Für Pflegefachpersonen ist es wichtig, diese Zusammenhänge zu verstehen.
Was ist Psychosomatik?
Begriffsherkunft
Der Begriff «Psychosomatik» setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen:
Atem, Hauch, Seele
Körper, Leib
Psychosomatik bedeutet: Körper und Seele sind untrennbar verbunden. Seelische Belastungen können körperliche Symptome auslösen, und körperliche Erkrankungen beeinflussen das seelische Befinden.
Psychosomatische Medizin betrachtet den Menschen ganzheitlich. Sie fragt nicht nur «Was fehlt Ihnen?», sondern auch «Was belastet Sie?». Körperliche Beschwerden werden im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte, den sozialen Umständen und dem psychischen Befinden betrachtet.
Das Wichtigste: Die Beschwerden sind real
Menschen mit psychosomatischen Beschwerden sind keine Simulanten. Die Schmerzen, die Übelkeit, das Herzrasen sind körperlich real und messbar. Der Unterschied: Die Ursache liegt nicht (nur) in einem kranken Organ, sondern im Zusammenspiel von Körper und Psyche.
Das bedeutet auch: Die Beschwerden verschwinden nicht einfach, wenn man sie ignoriert oder den Patienten sagt, sie sollen «sich zusammenreissen».
Häufige psychosomatische Beschwerden
Psychosomatische Symptome können fast jedes Organsystem betreffen. Besonders häufig sind Beschwerden im Magen-Darm-Trakt, im Bewegungsapparat und im Herz-Kreislauf-System.
Kopf
- Spannungskopfschmerzen
- Migräne
- Schwindel
- Tinnitus
Herz-Kreislauf
- Herzrasen, Herzstolpern
- Brustschmerzen, Engegefühl
- Blutdruckschwankungen
- Kreislaufprobleme
Atmung
- Atemnot, Hyperventilation
- Engegefühl im Hals
- Globusgefühl («Kloss»)
- Chronischer Husten
Magen-Darm
- Reizdarmsyndrom
- Übelkeit, Erbrechen
- Sodbrennen
- Blähungen, Krämpfe
Bewegungsapparat
- Rückenschmerzen
- Nackenverspannungen
- Gelenkschmerzen
- Muskelschmerzen
Haut & Allgemein
- Hautausschläge
- Juckreiz, Kribbeln
- Chronische Müdigkeit
- Schlafstörungen
Der Orthopäde sagt:
«Die meisten Rückenschmerzen sind die Folge seelischer und nicht organischer Probleme. Sind Stress, Ärger und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz gross, ist das Risiko psychisch bedingter Rückenschmerzen sehr hoch.» (Dr. Peer Eysel)
Was löst psychosomatische Beschwerden aus?
Psychosomatische Symptome entstehen nicht aus dem Nichts. Sie sind oft ein Signal des Körpers, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Häufige Auslöser:
Dauerstress
Beruflich oder privat
Unterdrückte Gefühle
Ärger, Trauer, Angst
Beziehungskonflikte
Partner, Familie, Arbeit
Traumata
Vergangene Verletzungen
Lebenskrisen
Trennung, Verlust, Umbrüche
Überforderung
Zu viel, zu lange
Der Mechanismus ist evolutionär sinnvoll: Bei Stress bereitet sich der Körper auf Kampf oder Flucht vor. Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, die Verdauung wird heruntergefahren. Wenn dieser Zustand chronisch wird, entstehen Beschwerden.
Kommunikation mit psychosomatischen Patienten
Psychosomatische Patienten haben oft einen langen Leidensweg hinter sich. Sie wurden von Arzt zu Arzt geschickt, ohne dass eine Ursache gefunden wurde. Manche fühlen sich nicht ernst genommen. Als Pflegefachperson kannst du viel bewirken.
Die 5 Grundprinzipien
Ernst nehmen
Die Beschwerden sind real. Zeige dem Patienten, dass du sein Leiden siehst und anerkennst. Das ist oft schon der erste Schritt zur Besserung.
Zuhören
Lass den Patienten erzählen. Frage nach Lokalisation, Qualität und Intensität der Beschwerden. Zeige echtes Interesse an seinem subjektiven Erleben.
Nicht bewerten
Vermeide Urteile wie «Das ist nur psychisch» oder «Stellen Sie sich nicht so an». Solche Aussagen verstärken das Leiden und beschädigen das Vertrauen.
Ganzheitlich fragen
Neben den körperlichen Symptomen auch nach Lebensumständen fragen: «Wie geht es Ihnen sonst?», «Haben Sie gerade viel Stress?»
Geduld haben
Psychosomatische Patienten klagen oft wiederholt. Das kann ermüdend sein. Erinnere dich: Ihr Auftrag ist oft «Nimm mein Leiden ernst».
Vermeide
- «Da ist nichts, wir finden keine Ursache»
- «Das ist nur in Ihrem Kopf»
- «Andere haben schlimmere Probleme»
- «Sie müssen sich einfach entspannen»
- Augenrollen, Seufzen, Ungeduld zeigen
- Vorschnelle psychische Diagnosen stellen
Sage lieber
- «Ich sehe, dass Sie leiden»
- «Erzählen Sie mir mehr darüber»
- «Wie wirkt sich das auf Ihren Alltag aus?»
- «Körper und Seele hängen eng zusammen»
- «Es gibt Behandlungsmöglichkeiten»
- «Wir nehmen Ihre Beschwerden ernst»
Behandlungsansätze
Ganzheitliche Therapie
Psychosomatische Erkrankungen sind behandelbar. Im Zentrum steht meist die Psychotherapie, ergänzt durch weitere Massnahmen:
- Kognitive Verhaltenstherapie: Zusammenhänge erkennen, Denkmuster verändern
- Tiefenpsychologische Verfahren: Unbewusste Konflikte aufarbeiten
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training, medizinische Hypnose
- Körpertherapie: Körperwahrnehmung verbessern, Spannungen lösen
- Kunst- und Musiktherapie: Nonverbaler Ausdruck von Gefühlen
- Medikamente: Bei Bedarf Antidepressiva oder Angstlöser. Ergänzend kann auch Arbeit mit dem Unterbewusstsein hilfreich sein.
- Lebensstiländerungen: Stressreduktion, Bewegung, Ernährung
Zusammenfassung
- Psychosomatik: Körper und Seele sind untrennbar verbunden
- Die Beschwerden sind real: Keine Einbildung, keine Simulation
- Häufige Symptome: Rückenschmerzen, Magen-Darm, Kopfschmerzen, Herzrasen
- Auslöser: Stress, unterdrückte Gefühle, Lebenskrisen, Traumata
- Wichtigste Regel: Ernst nehmen, zuhören, nicht bewerten
- Behandelbar: Psychotherapie, Entspannung, ganzheitlicher Ansatz