Schmerzmanagement in der Pflege

Schmerzmanagement - BFG Baselland

Schmerz ist subjektiv und komplex. Als Pflegefachperson spielst du eine zentrale Rolle im Schmerzmanagement: Du erkennst Schmerzen, schätzt sie ein, dokumentierst und leitest Massnahmen ein. Dieser Artikel gibt dir das Handwerkszeug für professionelles Schmerzassessment und zeigt nichtmedikamentöse Methoden, die du selbst anwenden kannst.

Warum Schmerzmanagement so wichtig ist

Unbehandelte Schmerzen haben weitreichende Folgen: Sie verzögern die Genesung, erhöhen das Komplikationsrisiko und beeinträchtigen die Lebensqualität massiv. Der Expertenstandard Schmerzmanagement des DNQP macht klar: Jeder Patient hat ein Recht auf schmerzarme Pflege.

Dabei gilt: Schmerz ist, was der Patient sagt, dass es ist. Die Selbsteinschätzung hat Vorrang vor der Fremdeinschätzung. Auch wenn du keine körperlichen Anzeichen siehst, ist der genannte Wert verbindlich.

Schmerzskalen richtig anwenden

Schmerzskalen sind standardisierte Instrumente zur Erfassung der Schmerzintensität. Wichtig: Verwende immer dieselbe Skala bei einem Patienten, um vergleichbare Werte zu erhalten.

NRS

Numerische Rating-Skala

Die meistgenutzte Skala: Patienten geben ihre Schmerzstärke als Zahl von 0 bis 10 an. Gilt als zuverlässigstes Instrument.

0 (kein Schmerz) 5 10 (stärkster)

Tipp: Visualisiere die Skala, z.B. mit Karte. Rein verbale Anwendung ist für ältere Menschen schwieriger.

VAS

Visuelle Analogskala

Eine 10 cm lange Linie ohne Zahlen. Der Patient zeigt auf der Linie, wo sein Schmerz liegt. Auf der Rückseite liest du den Wert ab.

Kein Schmerz Stärkster Schmerz

Vorteil: Keine Fixierung auf Zahlen. Nachteil: Schwieriger bei kognitiven Einschränkungen.

SRS

Smiley-Skala

Symbolische Darstellung mit Gesichtern. Ideal für Kinder, Menschen mit Sprachbarrieren oder leichten kognitiven Einschränkungen.

😊 🙂 😐 😕 😢 😭
Kein Schmerz Stärkster Schmerz

Auch bekannt als Wong-Baker-Skala. Besonders geeignet für Kinder ab 3 Jahren.

Das differenzierte Schmerzassessment

Die Schmerzintensität ist nur ein Teil des Bildes. Ein vollständiges Assessment erfasst weitere Dimensionen des Schmerzes.

Die 6 Dimensionen des Schmerzassessments

Lokalisation

Wo genau tut es weh? Ausstrahlung? Mehrere Stellen?

Intensität

Wie stark ist der Schmerz? (Skala 0-10)

Qualität

Wie fühlt er sich an? Stechend, brennend, dumpf, ziehend?

Zeitliche Dimension

Seit wann? Dauerschmerz oder Attacken? Wann am schlimmsten?

Verstärkende Faktoren

Was macht es schlimmer? Bewegung, Ruhe, bestimmte Positionen?

Lindernde Faktoren

Was hilft? Medikamente, Wärme, Kälte, Ablenkung?

Nichtmedikamentöse Methoden

Der Expertenstandard fordert, dass Pflegende über nichtmedikamentöse Massnahmen zur Schmerzlinderung Bescheid wissen. Diese Methoden sind besonders wertvoll bei älteren Patienten, die bereits viele Medikamente nehmen.

Lagerung

Schmerzreduzierende Positionierung: LiN-Lagerung, Bobath-Konzept, Mikrolagerung. Entlastet Gelenke und Gewebe.

Wärme/Kälte

Wärmeanwendungen bei Verspannungen, Kälte bei akuten Entzündungen und Schwellungen.

Aromapflege

Ätherische Öle wirken über das limbische System. Lavendel beruhigt, Pfefferminz kühlt.

Ablenkung

Musik, Gespräche, Bilder, Handarbeit. Lenkt die Aufmerksamkeit vom Schmerz weg.

Entspannung

Atemübungen, Progressive Muskelentspannung und geführte Imagination reduzieren Anspannung. Auch Hypnose zur Schmerzlinderung wird erfolgreich eingesetzt.

TENS

Transkutane elektrische Nervenstimulation. Schwache Stromimpulse blockieren Schmerzweiterleitung.

Das WHO-Stufenschema

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein Stufenschema für die medikamentöse Schmerztherapie entwickelt. Als Pflegefachperson solltest du es kennen, um ärztliche Verordnungen einordnen zu können.

WHO-Stufenschema der Schmerztherapie

Stufe 3 Starke Opioide (z.B. Morphin, Fentanyl) ± Nicht-Opioide ± Koanalgetika
Stufe 2 Schwache Opioide (z.B. Tramadol, Codein) ± Nicht-Opioide ± Koanalgetika
Stufe 1 Nicht-Opioide (z.B. Paracetamol, Ibuprofen, Metamizol) ± Koanalgetika

Der multimodale Ansatz kombiniert medikamentöse mit nichtmedikamentösen Methoden. Gerade bei chronischen Schmerzen gilt er als Goldstandard.

Spezielle Patientengruppen

Nicht jeder Patient kann Schmerzen verbal äussern. Für diese Gruppen gibt es angepasste Assessmentinstrumente.

Kinder

Smiley-Skala ab 3 Jahren. Bei Säuglingen: Beobachtung von Mimik, Weinen, Körperhaltung. KUSS-Skala für postoperative Schmerzen.

Ältere Menschen

NRS mit Visualisierung. Mehr Zeit geben, klar formulieren. Oft unterschätzen Ältere ihre Schmerzen oder halten sie für «normal».

Menschen mit Demenz

BESD-Skala (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz): Atmung, Lautäusserung, Gesichtsausdruck, Körpersprache, Tröstbarkeit.

Nicht kommunikationsfähige Patienten

Verhaltensbeobachtung: Grimassieren, Schonhaltung, Abwehr bei Berührung, vegetative Zeichen (Puls, Blutdruck, Schwitzen).

Der Schmerzmanagement-Prozess

Schritte im pflegerischen Schmerzmanagement

1
Assessment Systematische Erfassung von Schmerzintensität und -qualität bei Aufnahme und regelmässig im Verlauf.
2
Dokumentation Sorgfältige Dokumentation aller Werte, Massnahmen und deren Wirkung. Basis für Verlaufskontrolle.
3
Planung Gemeinsam mit Patient und Arzt: Welche Massnahmen? Welches Schmerzniveau ist das Ziel?
4
Durchführung Medikamentöse (nach Verordnung) und nichtmedikamentöse Massnahmen (eigenständig) umsetzen.
5
Evaluation Wirksamkeit überprüfen: Hat der Schmerz abgenommen? Nebenwirkungen? Anpassung nötig?

Warnsignale beachten

Plötzlich auftretende starke Schmerzen, Schmerzen mit neurologischen Ausfällen oder Schmerzen, die auf keine Therapie ansprechen, erfordern sofortige ärztliche Abklärung. Dokumentiere und melde solche Situationen umgehend.

Der psychische Faktor

Angst, Depression und Stress verstärken das Schmerzempfinden. Umgekehrt kann chronischer Schmerz psychische Probleme auslösen. Ein ganzheitlicher Ansatz berücksichtigt immer auch die psychische Komponente.