Mobbing im Gesundheitswesen ist kein Randphänomen. Studien zeigen: Jede fünfte Pflegekraft war bereits Opfer von systematischer Schikane. In einem Beruf, der von Fürsorge und Empathie geprägt sein sollte, ist das ein erschreckendes Bild. Dieser Artikel zeigt, wie du Mobbing erkennst, was du tun kannst und wo du in der Schweiz Hilfe findest.
Was ist Mobbing genau?
Das Wort «Mobbing» kommt vom englischen «to mob» und bedeutet «schikanieren» oder «anpöbeln». Damit von Mobbing gesprochen werden kann, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein:
- Wiederholung: Die Handlungen erfolgen regelmässig, nicht nur einmalig
- Dauer: Das Verhalten zieht sich über einen längeren Zeitraum (mindestens einige Wochen)
- Systematik: Es handelt sich um ein gezieltes Muster, nicht um zufällige Konflikte
- Machtungleichgewicht: Das Opfer kann sich nicht angemessen wehren
Ein einmaliger Konflikt oder eine hitzige Diskussion ist noch kein Mobbing. Mobbing ist ein Prozess, bei dem eine Person systematisch ausgegrenzt, erniedrigt oder schikaniert wird.
Die drei Formen von Mobbing
Je nachdem, von wem das Mobbing ausgeht, unterscheidet man verschiedene Formen. Jede Form hat ihre eigene Dynamik und erfordert unterschiedliche Strategien.
Horizontales Mobbing
Unter Kolleginnen und KollegenDie häufigste Form: Mobbing zwischen gleichgestellten Mitarbeitenden. Oft entstehen solche Konflikte aus Neid, Konkurrenz oder Gruppendynamik.
- Ausgrenzung aus dem Team und von Informationen
- Gerüchte und Tratsch hinter dem Rücken
- Arbeit sabotieren oder Fehler unterschieben
- Öffentliches Blossstellen
Bossing
Durch VorgesetzteMobbing «von oben nach unten»: Vorgesetzte missbrauchen ihre Machtposition, um einzelne Mitarbeitende zu schikanieren. Besonders schwer zu bekämpfen.
- Ständige ungerechtfertigte Kritik
- Degradierende Aufgaben zuweisen
- Wichtige Informationen vorenthalten
- Öffentliche Demütigungen
Staffing
Gegen VorgesetzteDie seltenere Form: Mitarbeitende mobben ihre Vorgesetzten. Dies geschieht oft kollektiv und kann neue Führungskräfte betreffen.
- Anweisungen ignorieren oder boykottieren
- Negative Gerüchte verbreiten
- Informationen zurückhalten
- Autorität untergraben
Warum gerade in der Pflege?
Die Pflege ist einer der Berufe, in denen Mobbing am häufigsten vorkommt. Das hat verschiedene strukturelle Gründe.
Die Hierarchie im Krankenhaus
Strukturelle Risikofaktoren
- Ausgeprägte Hierarchien: Klare Machtgefälle zwischen Berufsgruppen und innerhalb der Pflege
- Hoher Stress: Personalmangel, Zeitdruck und emotionale Belastung schaffen Spannungen
- Frauendominanz: Statistisch kommt Mobbing in frauendominierten Berufen häufiger vor
- Schichtarbeit: Erschwert Teamzusammenhalt und Konfliktlösung
- Tabuisierung: «Wer einen Missbrauch meldet, wird Opfer von Mobbing»
Besonders gefährdet
Studierende in der praktischen Ausbildung und junge Berufseinsteiger haben ein erhöhtes Risiko, Opfer von Mobbing zu werden. Sie sind oft der «Blitzableiter» für Teamspannungen.
Die vier Phasen von Mobbing
Mobbing entwickelt sich typischerweise in Phasen. Je früher du eingreifst, desto besser sind die Chancen, den Prozess zu stoppen.
Typischer Verlauf
Woran erkennst du Mobbing?
Die Grenzen zwischen normalem Konflikt und Mobbing sind manchmal fliessend. Diese Warnsignale deuten auf systematisches Mobbing hin.
Kommunikation wird eingeschränkt
Du wirst nicht mehr gegrüsst, von Gesprächen ausgeschlossen oder deine Meinung wird ignoriert.
Soziale Isolation
Du wirst aus dem Team ausgeschlossen, bei Aktivitäten nicht eingeladen oder bewusst allein gelassen.
Ständige Kritik
Deine Arbeit wird permanent kritisiert, auch wenn sie einwandfrei ist. Fehler werden dir untergeschoben.
Degradierende Aufgaben
Dir werden nur noch Aufgaben unter deiner Qualifikation zugeteilt oder du bekommst gar keine Aufgaben mehr.
Gerüchte und Tratsch
Über dich werden unwahre Geschichten verbreitet. Dein Ruf wird systematisch beschädigt.
Gesundheitliche Auswirkungen
Du entwickelst Schlafstörungen, Angstzustände oder depressive Symptome. Therapeutische Unterstützung bei Ängsten kann helfen, diese zu überwinden.
Was kannst du tun?
Wenn du Mobbing erlebst oder beobachtest, ist es wichtig, richtig zu handeln. Hier sind konkrete Strategien für Betroffene.
Schritte bei Mobbing
- Dokumentieren Führe ein Tagebuch: Datum, Uhrzeit, was passiert ist, wer dabei war. Sachlich und konkret.
- Verbündete suchen Sprich mit vertrauenswürdigen Kollegen. Du bist nicht allein und brauchst Unterstützung.
- Gespräch suchen (wenn möglich) In frühen Phasen kann ein direktes Gespräch mit der mobbenden Person helfen. Bleib sachlich.
- Vorgesetzte informieren Bei horizontalem Mobbing: Wende dich an deine Vorgesetzten. Bei Bossing: An die nächsthöhere Ebene oder HR.
- Externe Hilfe holen Wenn interne Wege nicht funktionieren: Kontaktiere eine Beratungsstelle oder hole rechtliche Beratung.
Das hilft
- Alles schriftlich dokumentieren
- Ruhig und sachlich bleiben
- Zeugen für Vorfälle finden
- Professionelle Hilfe suchen
- Auf eigene Gesundheit achten
- Rechtliche Möglichkeiten prüfen
Das schadet
- Schweigen und hoffen, dass es aufhört
- Zurückmobben oder eskalieren
- Sich selbst die Schuld geben
- Sich sozial isolieren
- Die eigene Gesundheit ignorieren
- Überstürzt kündigen
Als Zeuge handeln
Wenn du beobachtest, dass jemand gemobbt wird, bist du nicht machtlos. Wegschauen macht dich zum Teil des Problems.
- Nicht mitmachen: Verweigere dich an Tratsch, Ausgrenzung oder Schikanen
- Solidarität zeigen: Sprich mit dem Opfer, zeige, dass du nicht einverstanden bist
- Einschreiten: In konkreten Situationen kannst du eingreifen und Grenzen setzen
- Melden: Informiere Vorgesetzte oder HR über das, was du beobachtet hast
- Zeuge sein: Biete an, als Zeuge für das Opfer auszusagen
Rechtliche Grundlagen in der Schweiz
In der Schweiz haben Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Angestellten. Sie müssen präventive Massnahmen ergreifen und bei Kenntnis von Mobbing einschreiten. Mobbing selbst ist kein eigener Straftatbestand, aber einzelne Handlungen können Straftaten darstellen (Ehrverletzung, Nötigung, Körperverletzung).