Mobbing in der Pflege: Hierarchie, Macht und Auswege

Mobbing Hierarchie Klinik - BFG Baselland

Mobbing im Gesundheitswesen ist kein Randphänomen. Studien zeigen: Jede fünfte Pflegekraft war bereits Opfer von systematischer Schikane. In einem Beruf, der von Fürsorge und Empathie geprägt sein sollte, ist das ein erschreckendes Bild. Dieser Artikel zeigt, wie du Mobbing erkennst, was du tun kannst und wo du in der Schweiz Hilfe findest.

20%
der Pflegekräfte waren bereits Mobbing-Opfer
50%
haben Mobbing am Arbeitsplatz beobachtet
10%
geben zu, selbst schon gemobbt zu haben
4,4%
der CH-Erwerbstätigen sind Mobbingopfer

Was ist Mobbing genau?

Das Wort «Mobbing» kommt vom englischen «to mob» und bedeutet «schikanieren» oder «anpöbeln». Damit von Mobbing gesprochen werden kann, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein:

Ein einmaliger Konflikt oder eine hitzige Diskussion ist noch kein Mobbing. Mobbing ist ein Prozess, bei dem eine Person systematisch ausgegrenzt, erniedrigt oder schikaniert wird.

Die drei Formen von Mobbing

Je nachdem, von wem das Mobbing ausgeht, unterscheidet man verschiedene Formen. Jede Form hat ihre eigene Dynamik und erfordert unterschiedliche Strategien.

Horizontales Mobbing

Unter Kolleginnen und Kollegen

Die häufigste Form: Mobbing zwischen gleichgestellten Mitarbeitenden. Oft entstehen solche Konflikte aus Neid, Konkurrenz oder Gruppendynamik.

  • Ausgrenzung aus dem Team und von Informationen
  • Gerüchte und Tratsch hinter dem Rücken
  • Arbeit sabotieren oder Fehler unterschieben
  • Öffentliches Blossstellen

Bossing

Durch Vorgesetzte

Mobbing «von oben nach unten»: Vorgesetzte missbrauchen ihre Machtposition, um einzelne Mitarbeitende zu schikanieren. Besonders schwer zu bekämpfen.

  • Ständige ungerechtfertigte Kritik
  • Degradierende Aufgaben zuweisen
  • Wichtige Informationen vorenthalten
  • Öffentliche Demütigungen

Staffing

Gegen Vorgesetzte

Die seltenere Form: Mitarbeitende mobben ihre Vorgesetzten. Dies geschieht oft kollektiv und kann neue Führungskräfte betreffen.

  • Anweisungen ignorieren oder boykottieren
  • Negative Gerüchte verbreiten
  • Informationen zurückhalten
  • Autorität untergraben

Warum gerade in der Pflege?

Die Pflege ist einer der Berufe, in denen Mobbing am häufigsten vorkommt. Das hat verschiedene strukturelle Gründe.

Die Hierarchie im Krankenhaus

Chefärzte / Klinikleitung Höchste Entscheidungsmacht
Ärztlicher Dienst Medizinische Entscheidungen
Pflegefachpersonen / Pflegeleitung Pflegerische Versorgung
Lernende / Praktikanten Am stärksten gefährdet für Mobbing

Strukturelle Risikofaktoren

Besonders gefährdet

Studierende in der praktischen Ausbildung und junge Berufseinsteiger haben ein erhöhtes Risiko, Opfer von Mobbing zu werden. Sie sind oft der «Blitzableiter» für Teamspannungen.

Die vier Phasen von Mobbing

Mobbing entwickelt sich typischerweise in Phasen. Je früher du eingreifst, desto besser sind die Chancen, den Prozess zu stoppen.

Typischer Verlauf

1
Verdeckte Konfliktphase Erste Spannungen und ungelöste Konflikte. Noch keine offenen Angriffe, aber eine zunehmend angespannte Atmosphäre.
2
Eskalation Der Konflikt richtet sich gegen eine Person. Erste systematische Ausgrenzung, Gerüchte und Schikanen beginnen.
3
Manifestation Das Mobbing wird offensichtlich. Das Opfer zeigt erste Symptome: Krankheit, Leistungsabfall, sozialer Rückzug.
4
Endphase Das Opfer verlässt die Stelle (Kündigung, Krankheit, Versetzung). Ohne Intervention ist dies oft das Ergebnis.

Woran erkennst du Mobbing?

Die Grenzen zwischen normalem Konflikt und Mobbing sind manchmal fliessend. Diese Warnsignale deuten auf systematisches Mobbing hin.

Kommunikation wird eingeschränkt

Du wirst nicht mehr gegrüsst, von Gesprächen ausgeschlossen oder deine Meinung wird ignoriert.

Soziale Isolation

Du wirst aus dem Team ausgeschlossen, bei Aktivitäten nicht eingeladen oder bewusst allein gelassen.

Ständige Kritik

Deine Arbeit wird permanent kritisiert, auch wenn sie einwandfrei ist. Fehler werden dir untergeschoben.

Degradierende Aufgaben

Dir werden nur noch Aufgaben unter deiner Qualifikation zugeteilt oder du bekommst gar keine Aufgaben mehr.

Gerüchte und Tratsch

Über dich werden unwahre Geschichten verbreitet. Dein Ruf wird systematisch beschädigt.

Gesundheitliche Auswirkungen

Du entwickelst Schlafstörungen, Angstzustände oder depressive Symptome. Therapeutische Unterstützung bei Ängsten kann helfen, diese zu überwinden.

Was kannst du tun?

Wenn du Mobbing erlebst oder beobachtest, ist es wichtig, richtig zu handeln. Hier sind konkrete Strategien für Betroffene.

Schritte bei Mobbing

  1. Dokumentieren Führe ein Tagebuch: Datum, Uhrzeit, was passiert ist, wer dabei war. Sachlich und konkret.
  2. Verbündete suchen Sprich mit vertrauenswürdigen Kollegen. Du bist nicht allein und brauchst Unterstützung.
  3. Gespräch suchen (wenn möglich) In frühen Phasen kann ein direktes Gespräch mit der mobbenden Person helfen. Bleib sachlich.
  4. Vorgesetzte informieren Bei horizontalem Mobbing: Wende dich an deine Vorgesetzten. Bei Bossing: An die nächsthöhere Ebene oder HR.
  5. Externe Hilfe holen Wenn interne Wege nicht funktionieren: Kontaktiere eine Beratungsstelle oder hole rechtliche Beratung.

Das hilft

  • Alles schriftlich dokumentieren
  • Ruhig und sachlich bleiben
  • Zeugen für Vorfälle finden
  • Professionelle Hilfe suchen
  • Auf eigene Gesundheit achten
  • Rechtliche Möglichkeiten prüfen

Das schadet

  • Schweigen und hoffen, dass es aufhört
  • Zurückmobben oder eskalieren
  • Sich selbst die Schuld geben
  • Sich sozial isolieren
  • Die eigene Gesundheit ignorieren
  • Überstürzt kündigen

Als Zeuge handeln

Wenn du beobachtest, dass jemand gemobbt wird, bist du nicht machtlos. Wegschauen macht dich zum Teil des Problems.

Rechtliche Grundlagen in der Schweiz

In der Schweiz haben Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Angestellten. Sie müssen präventive Massnahmen ergreifen und bei Kenntnis von Mobbing einschreiten. Mobbing selbst ist kein eigener Straftatbestand, aber einzelne Handlungen können Straftaten darstellen (Ehrverletzung, Nötigung, Körperverletzung).

Hilfe in der Schweiz

Fachstelle Mobbing und Belästigung
044 450 10 16
fachstelle-mobbing.ch
Mobbing-Erstberatung (M.E.B.)
044 261 49 77
Für Frauen und Männer
Die Dargebotene Hand
143
24h, auch bei Mobbing
Kanton Basel-Stadt
bs.ch
Beratung Arbeitsbeziehungen