Pflegekräfte und medizinisches Fachpersonal sind einem erhöhten Suchtrisiko ausgesetzt. Die Kombination aus hoher Belastung, Schichtarbeit und dem leichten Zugang zu Medikamenten schafft ein gefährliches Umfeld. Dieser Artikel klärt auf, ohne zu stigmatisieren, denn: Sucht ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche.
Wichtiger Hinweis
Wenn du merkst, dass du betroffen sein könntest, oder wenn du dir Sorgen um jemanden machst: Es gibt anonyme Hilfsangebote. Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung. Ganz unten findest du Anlaufstellen in der Schweiz.
Warum Pflegekräfte besonders gefährdet sind
Die Forschung zeigt: In Pflegeberufen liegt die Zahl der psychischen Erkrankungen und Suchtmittelabhängigkeiten deutlich über dem ohnehin hohen Durchschnitt. Das ist kein Zufall, sondern hat strukturelle Ursachen.
Schichtarbeit
Wechselnde Arbeitszeiten stören den Biorhythmus. Schlaflosigkeit und chronische Erschöpfung sind häufige Folgen, die zum Griff nach «Hilfsmitteln» verleiten.
Hohe Belastung
Emotionaler Stress, Personalmangel und Arbeitsverdichtung führen zu dauerhafter Anspannung. Substanzen versprechen kurzfristige Entlastung.
Zugang zu Medikamenten
Pflegekräfte haben direkten Zugriff auf Schmerzmittel, Beruhigungsmittel und Schlafmittel. Trotz BTM-Büchern und Kontrollen ist die Versuchung gross.
Helfer-Mentalität
Wer beruflich für andere da ist, vergisst oft die eigene Selbstfürsorge. Die eigenen Bedürfnisse werden hintenangestellt, bis der Körper rebelliert.
Soziale Isolation
Schichtarbeit erschwert Kontakte ausserhalb der Arbeit. Einsamkeit und fehlende soziale Unterstützung erhöhen das Suchtrisiko.
Tabuisierung
Sucht unter Fachpersonen ist ein Tabuthema. Aus Angst vor beruflichen Konsequenzen wird das Problem versteckt statt angegangen.
Welche Substanzen sind problematisch?
Die häufigsten Suchtmittel im Gesundheitswesen unterscheiden sich teilweise von denen in der Allgemeinbevölkerung. Neben Alkohol spielen vor allem Medikamente eine Rolle.
Alkohol
Gesellschaftlich akzeptiert, leicht verfügbar. Oft unterschätzt als Suchtmittel.
Benzodiazepine
Beruhigungs- und Schlafmittel. Schnell wirksam, aber hohes Abhängigkeitspotenzial.
Opioide
Starke Schmerzmittel wie Morphin oder Fentanyl. Extrem hohes Suchtpotenzial.
Stimulanzien
Aufputschmittel, um lange Schichten durchzuhalten. Führen zu Erschöpfung und Abhängigkeit.
Warnsignale erkennen
Frühzeitiges Erkennen ist entscheidend. Je früher gehandelt wird, desto besser die Prognose. Hier sind Warnsignale, auf die du bei dir selbst oder bei Kolleg:innen achten kannst.
Bei dir selbst
- Du brauchst die Substanz, um «normal» zu funktionieren
- Du denkst häufig an den nächsten Konsum
- Du versteckst deinen Konsum vor anderen
- Du brauchst immer mehr für dieselbe Wirkung
- Du fühlst dich schuldig nach dem Konsum
- Du hast versucht aufzuhören, aber es nicht geschafft
- Entzugserscheinungen bei Pausen
Bei Kolleg:innen
- Häufige Fehlzeiten, besonders nach Wochenenden
- Leistungsabfall und Konzentrationsprobleme
- Verändertes Verhalten (gereizt, zurückgezogen)
- Ungeklärte Medikamentenschwunde
- Alkoholgeruch oder verwässerte Augen
- Vermeidung von Kontrollen (z.B. BTM)
- Finanzielle Probleme
Was tun, wenn du betroffen bist?
Der wichtigste Schritt ist oft der schwerste: sich einzugestehen, dass ein Problem besteht. Sucht ist eine Krankheit, die behandelt werden kann. Mit der richtigen Hilfe erreichen viele Betroffene eine stabile Abstinenz.
Schritte aus der Sucht
- Ehrlichkeit mit dir selbst Erkenne an, dass du Hilfe brauchst. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.
- Vertrauensperson einweihen Sprich mit jemandem, dem du vertraust. Das kann eine Freundin, ein Familienmitglied oder eine Fachperson sein.
- Professionelle Hilfe suchen Kontaktiere eine Suchtberatungsstelle. Viele Angebote sind anonym und kostenlos.
- Behandlungsplan entwickeln Mit Fachpersonen klärst du, ob ambulante Therapie reicht oder ein stationärer Entzug nötig ist.
- Nachsorge nicht vergessen Nach der akuten Behandlung ist Nachsorge entscheidend. Rückfälle sind Teil des Prozesses, keine Niederlage.
Berufliche Konsequenzen?
Viele haben Angst, dass eine Suchterkrankung automatisch das Berufsende bedeutet. Das stimmt so nicht: Wer sich freiwillig in Behandlung begibt, hat meist bessere Chancen. Viele Arbeitgeber unterstützen Mitarbeitende in der Genesung. Sprich mit deinem Hausarzt oder einer Beratungsstelle über deine Optionen.
Als Kolleg:in oder Vorgesetzte:r handeln
Wenn du den Verdacht hast, dass eine Kollegin oder ein Kollege ein Suchtproblem hat, ist Wegschauen keine Option. Gleichzeitig ist Fingerspitzengefühl gefragt.
- Beobachtungen dokumentieren: Konkrete Situationen notieren, nicht interpretieren
- Unter vier Augen ansprechen: Ruhig, ohne Vorwürfe, aus Sorge heraus
- Ich-Botschaften verwenden: «Mir ist aufgefallen...» statt «Du bist...»
- Hilfe anbieten, nicht drohen: Zeige Unterstützungsbereitschaft
- Betriebliche Anlaufstellen nutzen: Viele Betriebe haben Suchtbeauftragte oder EAP-Programme
- Patientensicherheit im Blick behalten: Bei akuter Gefährdung muss gehandelt werden
Prävention: Was hilft wirklich?
Prävention beginnt bei den Arbeitsbedingungen. Individuelle Strategien sind wichtig, aber strukturelle Veränderungen sind mindestens ebenso notwendig.
- Gesunde Schichtplanung: Vorwärts rotierende Schichten, ausreichend Erholung
- Stressmanagement-Schulungen: Umgang mit Belastung lernen. Bei chronischer Überlastung kann professionelle Begleitung bei Burnout helfen.
- Offene Gesprächskultur: Sucht entstigmatisieren
- Betriebliches Gesundheitsmanagement: Niederschwellige Angebote
- Supervision und Teamgespräche: Regelmässiger Austausch
- Selbstfürsorge ernst nehmen: Pausen, Hobbys, soziale Kontakte