In der Schweiz sterben jährlich rund 70'000 Menschen, 44% davon in Pflegeheimen, 37% in Spitälern. Für Pflegefachpersonen bedeutet das: Der Umgang mit Tod und Trauer gehört zum Berufsalltag. Doch wie gelingt es, professionell zu begleiten und dabei die eigene seelische Gesundheit zu schützen?
Die 5 Phasen der Trauer nach Kübler-Ross
Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross entwickelte eines der bekanntesten Modelle zum Verständnis von Sterben und Trauer. Diese Phasen können sowohl Sterbende als auch Angehörige und Pflegende durchlaufen, oft nicht linear, sondern in Wellen und Wiederholungen.
Leugnen (Denial)
«Das kann nicht sein.» Eine Schutzreaktion der Psyche. Der Mensch weigert sich, die Realität anzuerkennen. Diese Phase gibt Zeit, die Nachricht zu verarbeiten.
Wut (Anger)
«Warum ich?» Aggressionen, Zorn und Schuldzuweisungen brechen hervor. Angehörige und Pflegende sollten wissen: Diese Wut ist selten persönlich gemeint.
Verhandeln (Bargaining)
«Wenn ich nur…» Betroffene versuchen, mit Schicksal, Gott oder Ärzten zu verhandeln. Sie hoffen auf mehr Zeit durch gutes Verhalten oder Kooperation.
Depression (Depression)
Tiefe Trauer über Vergangenes und Zukünftiges. Verpasste Chancen, nicht mehr erlebbare Momente. Eine wichtige Phase der Verarbeitung, die Raum braucht.
Akzeptanz (Acceptance)
Annehmen des Unausweichlichen. Nicht alle erreichen diese Phase. Wer sie erreicht, findet oft inneren Frieden und kann sich in Würde verabschieden.
Wichtig zu wissen
Das Kübler-Ross-Modell ist ein Orientierungsrahmen, kein starres Schema. Neuere Trauerforschung zeigt:
- Phasen können übersprungen, wiederholt oder gleichzeitig erlebt werden
- Jeder Mensch trauert individuell, es gibt keinen «richtigen» Weg
- Auch Pflegende durchlaufen diese Phasen bei Patientenverlusten
Compassion Fatigue: wenn Mitgefühl erschöpft
Der ständige Kontakt mit Leid und Tod kann zu einer besonderen Form der emotionalen Erschöpfung führen: der Compassion Fatigue (Mitgefühlsmüdigkeit). Dies ist keine Charakterschwäche, sondern eine natürliche Reaktion auf chronische emotionale Belastung.
Warnsignale für Compassion Fatigue
Pflegekräfte, die diese Anzeichen bei sich bemerken, sollten sie ernst nehmen. Compassion Fatigue kann zu Burnout führen und die Qualität der Pflege beeinträchtigen. ein Teufelskreis, den es früh zu durchbrechen gilt.
Nähe und Distanz: die professionelle Balance
Eine der grössten Herausforderungen in der Pflege: Wie viel Nähe ist zu viel? Zu wenig emotionale Beteiligung wirkt kalt und unpersönlich. Zu viel führt zur Überlastung. Die Lösung liegt in der bewussten Balance.
Die Balance zwischen Empathie und Abgrenzung
Professionelle Abgrenzung bedeutet nicht Gefühlskälte, sondern Selbstschutz
«Abgrenzung bedeutet nicht Distanziertheit oder das Fehlen von Mitgefühl. Sie schafft den Rahmen, in dem liebevolle, wertschätzende Pflege stattfinden kann. mit Empathie, Respekt und Fürsorge.»Aus der Pflegeforschung
Selbstfürsorge: 6 bewährte Strategien
Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für nachhaltige Arbeit in der Sterbebegleitung. Hier sind Strategien, die sich bewährt haben:
Darüber sprechen
Teile deine Erfahrungen mit Kolleg:innen, Freunden oder in Supervision. Belastungen auszusprechen, nimmt ihnen Macht.
Zeit für Verarbeitung
Nach belastenden Situationen bewusst Pausen einplanen. An die frische Luft gehen, durchatmen, ankommen.
Grenzen anerkennen
Du darfst Verantwortung abgeben, wenn es zu viel wird. Das ist kein Versagen, sondern Selbstschutz.
Routine beibehalten
Dein Alltag sollte nicht nur aus Sterbebegleitung bestehen. Bewahre dir Normalität und Freude.
Abschied gestalten
Ein bewusster Abschied von verstorbenen Patient:innen hilft bei der Verarbeitung. Rituale können dabei unterstützen.
Achtsamkeit üben
Kurze Atemübungen oder Meditationen senken den Stresspegel. Auch kleine Pausen während der Schicht helfen.
Gefühle zulassen
Auch wenn du nicht zur Familie gehörst, du darfst trauern. Hilflosigkeit, Angst und Trauer zu empfinden ist menschlich und kein Zeichen mangelnder Professionalität. Verdrängte Gefühle machen auf Dauer krank.
Was Institutionen tun können
Gute Arbeitgeber lassen ihr Personal mit dem Thema Tod nicht allein. Institutionelle Unterstützung ist entscheidend für die langfristige Gesundheit von Pflegeteams.
Für Teams
- Regelmässige Fallbesprechungen nach Sterbefällen
- Supervision und kollegiale Beratung
- Fortbildungen zu Sterbebegleitung
- Abschiedsrituale im Team etablieren
Strukturell
- Psychologische Betreuungsangebote
- Ausreichende Personalbesetzung
- Rückzugsräume für Pausen
- Wertschätzende Führungskultur
Weiterbildung in Palliative Care
Wissen schafft Sicherheit. In der Schweiz gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich im Bereich Sterbebegleitung und Palliative Care weiterzubilden:
- SRK-Lehrgänge Palliative Care: Für Freiwillige und Interessierte
- CAS Palliative Care: Hochschulzertifikat für Fachpersonen
- Spezialisierung Onkologie/Palliativ: Im Rahmen von HF- und FH-Studiengängen
- Betriebsinterne Schulungen: Viele Spitäler und Heime bieten eigene Programme
Die Inhalte umfassen typischerweise: Schmerzmanagement, ethische Fragen am Lebensende, Kommunikation mit Sterbenden und Angehörigen sowie Selbstfürsorge für Pflegende.
Anlaufstellen bei Belastung
Wenn die Belastung durch wiederholte Konfrontation mit Tod und Trauer zu gross wird, kann professionelle Unterstützung helfen. Traumatherapie in Basel bietet Begleitung bei der Verarbeitung belastender Erlebnisse.